Amtsübergabe 2011
Die neue Präsidentin des Inner Wheel Clubs Zürich heisst Jrma Buchmann. Sie übernimmt das Amt von Eva Wagner.
Für einmal fand die Amtsübergabe in schlichtem Rahmen im Widder Hotel statt. Die scheidende Präsidentin Eva Wagner erinnerte in wenigen Worten an die wichtigsten Ereignisse des ablaufenden Clubjahres und übergab der neuen Präsidentin Jrma Buchmann das blaue Band mit den Namen aller Vorgängerinnen, das Zeichen der präsidialen Würde. Jrma Buchmann ihrerseits bedankte sich für das Vertrauen des Clubs, das er ihr mit der Wahl entgegengebracht habe, erinnerte an die Ziele von Inner Wheel, nämlich Freundschaft, Hilfsbereitschaft und internationale Verständigung, und versprach, ein interessantes Jahr vorzubereiten. Der scheidenden Präsidentin übergab sie einen Woll-Wunderknäuel, welchen die Beschenkte mit sichtlicher Freude entgegennahm.
Der krönende Abschluss des Abends war eine literarische Reise durch Zürich. Der Referent, Herr Dr. Rainer Diederichs, ist ein charmanter Gentleman mit einem interessanten beruflichen Werdegang. Herr Diederichs wurde in Jena geboren, besuchte in Köln die Schule, absolvierte in München eine Lehre als Buchhändler, studierte anschliessend Germanistik und promovierte in Zürich mit einer Arbeit über Thomas Mann und Günter Grass. 1971 nahm Herr Diederichs seine Tätigkeit als Wissenschaftlicher Bibliothekar an der Zentralbibliothek Zürich auf. Der Referent, der auch Präsident der Gottfried Keller-Gesellschaft ist, gehört zudem seit 1976 dem Vorstand der Schweizerischen Bibliophilen-Gesellschaft an. Und nun lädt uns Herr Diederichs zu einem virtuellen Spaziergang durch das literarische Zürich ein. Am Anfang des Referats steht folgendes Zitat von Adolf Muschg: Seit Bodmer hat Zürich ausgesprochen kein literarisches Klima. Kurt Guggenheim war da anderer Ansicht. Für ihn war Zürich ausgesprochen literarisch, und er trat den Beweis an, indem er auf einem Stadtplan alle Orte, die etwas mit Literatur zu tun haben, mit einem Punkt markierte – und das sind: Dichterklausen, Cafés, Bühnen. Kabaretts, Buchhandlungen, Verlage und Bibliotheken. Daraus entstand ein mit Punkten übersätes Gebiet, das sich von Zürichhorn bis zum Platzspitz und von der Sihl bis zu den Hochschulen erstreckte.
Herr Diederichs greift Guggenheims Idee auf und nimmt uns mit Hilfe eines Stadtplanes, der auf eine Leinwand projiziert wird, und eines Rotstifts auf einen literarischen Spaziergang mit. Wir beginnen am Bürkliplatz, einem Ort von starker literarischer Ausstrahlung. Wie sehr der Blick auf den See und die Schneeberge die Autoren inspirierte, können wir in den Impressionen in Blau und Weiss des Zürcher Schriftstellers Albin Zollinger (1895–1941) nachlesen. Zollinger schrieb: Zürich hat nicht zufällig Blau und Weiss in seinem Wappen. Immer blauer scheint es durch die Alleebäume, das Weisse von Segeln und Wolken mischt sich hinein, und auf einmal geht der Blick über das ganze Schneegebirge auf (...). Eine weitaus kritischere Haltung gegenüber dem Zürichsee hatte Max Frisch (1911–1991). In seinem Roman Stiller beschrieb er Zürich zwar als reizendes Städtchen und den See als lieblich, er ärgerte sich aber, dass das hügelige Seeufer von Villen verschandelt sei.
Im Jahr 1947 tagte der internationale PEN-Club in Zürich. Erich Kästner, der aus einem kriegsversehrten Deutschland kam, gehörte zu den Kongressteilnehmern. Er spazierte am Utoquai entlang und staunte darüber, dass die Zürcher die Spatzen mit Weissbrot fütterten. In der Beiz überraschte ihn der Wirt mit der Frage, ob er denn lieber ein fettes oder ein mageres Stück Siedfleisch hätte. Und Zürichs Früchte- und Gemüseüberfluss lösten bei Kästner geradezu Halluzinationen aus. Die schlanken Pappeln wurden zu riesigen Gurken, und die schimmernden Wolkenmassen mutierten zu gigantischem Blumenkohl.
Gemeinsam spazieren wir «virtuell» die Rämistrasse hinauf in Richtung Universität zur Schönberggasse 15. In diesem Haus – heute ist hier das Thomas Mann Archiv untergebracht – wohnte von 1739 bis zu seinem Tod Johann Jacob Bodmer (1698–1783), der das Haus zu einem Zentrum des literarischen Lebens in Zürich machte. Bodmer war Professor für helvetische Geschichte und Politik. Bekannt wurde er aber als Neuentdecker der mittelhochdeutschen Dichtung sowie durch seine Übersetzungen von Homer und vor allem von John Milton. Für die deutsche Literaturgeschichte ist auch seine Auseinandersetzung mit dem deutschen «Literaturpapst» Johann Christoph Gottsched von Bedeutung. Bodmer favorisierte den englischen Sensualismus von Milton, Gottsched hingegen bevorzugte die Schriften der französischen Aufklärung und die Einheit von Ort, Zeit und Handlung. Bodmer zog nicht nur Literatur- und Kunsttalente aus dem Raum Zürich an, sondern er wurde auch von zahlreichen deutschen Dichtern besucht. Zu seinen Gästen gehörten unter anderem Friedrich Gottlieb Klopstock, Christoph Martin Wieland, Ewald von Kleist und Johann Wolfgang von Goethe. Robert Faesi (1883–1972) beschrieb in seinen Zürcher Idyllen die Begegnung zwischen Bodmer und Klopstock. Eine Begegnung, die nicht besonders glücklich verlaufen ist, zumal Bodmer einen blassen, durchgeistigten Jüngling erwartete und stattdessen von einem lebensfrohen und dem weiblichen Geschlecht zugewandten Mann überrascht wurde. Auch der Dichter und Offizier Ewald von Kleist (1715–1759) war, wie bereits erwähnt, Bodmers Gast gewesen. Der dichtende Offizier verfasste folgende Beschreibung der Stadt: Zürich ist wirklich ein unvergleichlicher Ort, nicht nur wegen seiner vortrefflichen Lage, die unique ist in der Welt, sondern auch wegen der guten und aufgeweckten Menschen, die darin sind. Auch der Reichtum der Stadt entging dem guten Beobachter nicht. Dieser käme – so von Kleist – vom erworbenen Erbe der Väter und der günstigen Wirtschaftslage.
Wir kehren zurück in Richtung Limmat und kommen zum Neumarkt. Dort steht etwas zurückversetzt das Haus Zum goldenen Winkel, das Geburtshaus Gottfried Kellers (1819–1890). Interessanterweise wird dieses Haus in Kellers literarischem Schaffen nicht erwähnt. Wir spazieren zum Rindermarkt 9 dem Haus Zur Sichel. Hier hat Keller seine Kindheit und Jugend verbracht. In seinem Tagebuch (8. August 1843) findet sich folgender Eintrag: Es geht nichts über ein Kämmerlein, wie das meinige, wo die Aussicht über die Gärtchen und Hinterhöfe geht, welche die englischen Gärten und Hinterparadiese der stillen Bürgerhäuser sind. Die wohlbekannten Frauen und Nachbaren hängen ihre Wäsche in die Sonne, die Hühner gackern, und die Hausväter lassen dann und wann ihre Flüche und Ordnungsmandate ertönen.
Unser Weg führt weiter zur Münstergasse 9 und zum Haus Zum Schwanen. Hier wohnte ab 1736 bis zu seinem Tod Salomon Gessner (1730–1788). Gessner schrieb vor allem Idyllen, die er auch selber illustrierte. Er war überaus erfolgreich, so wurden seine Werke in zwanzig Sprachen übersetzt. Gessner führte an der Münstergasse ein geselliges und offenes Haus. 1780 begründete er die Zürcher Zeitung, aus der 1821 die Neue Zürcher Zeitung hervorging.
Wir stehen nun an der Limmat, in unsrem Rücken das Haus zum Raben, das in den 30-er Jahren des letzten Jahrhunderts zum Sammelpunkt vieler deutscher Emigranten wurde. Unter ihnen waren die Lyrikerin Else Lasker Schüler, die Schauspielerin Therese Giese sowie die Autoren Robert Musil und Thomas Mann. Mit einem Zitat von Thomas Mann soll diese Zusammenfassung des literarischen Rundganges denn auch beendet werden. Es sind bedeutende Worte, die nicht nur Zürich sondern die Schweiz als Ganzes betreffen und die heute noch Gültigkeit haben: Wenn ich aber Europa dachte, so war es eigentlich immer die Schweiz, die ich im Sinne hatte: dies freie, kleine, aber nicht enge, sondern vielgestaltige und mehrsprachige, von europäischer Luft durchwehte und nach seiner Natur so grossartige Land, das ich liebe von jeher, und dem ich drüben immer ein gewisses Heimweh getragen habe. – Es war im Besonderen die gute Stadt Zürich, die mir vorschwebte, die ich von jungauf oft besucht habe, in der ich immer gute, wohlwollende Freunde hatte, und die mir in den ersten Jahren der Emigration Schutz und Zuflucht und Arbeitsfrieden gewährt. So etwas vergisst sich nicht.
Auf unserem 45 Minuten dauernden Spaziergang haben wir zwölf für die Literatur bedeutende Orte besucht. Einige davon sind in der Zusammenfassung erwähnt. Alle Damen waren vom Referat begeistert und wir freuen uns, Herrn Diederichs bald wieder auf eine virtuelle Tour durch das literarische Zürich zu begleiten.
Flavia Wagner

